Grüß euch,
ich bin neu in diesem Forum und würde mich sehr freuen wenn ich euch meine Spindeluhr zeigen dürfte:
Ich habe mich bereits sehr intensiv mit der Uhr beschäftigt, daher kommt jetzt sehr viel Text
Ich habe kürzlich diese interessante Spindeltaschenuhr ersteigert und inzwischen selbst abgeholt. Ich bin gerade dabei, Hersteller, Entstehungszeit und insbesondere die verschiedenen Gehäusepunzen möglichst genau einzuordnen.
Es handelt sich um eine Schlüsselaufzug-Taschenuhr mit:
Spindelhemmung
Kette und Schnecke
vergoldetem Vollplatinenwerk
sehr fein durchbrochenem und graviertem Unruhkloben
silberner Regulierscheibe
handbemaltem Emailzifferblatt
vergoldetem Messinggehäuse
zusätzlicher Schutzhülle / Außengehäuse
Das Werk ist mit „Gissey à Paris“ signiert.
Das bemalte Emailzifferblatt trägt unten deutlich die Signatur:
„Girardier“
Die Uhr soll beim Vorbesitzer noch gelaufen sein. Ich selbst habe sie bisher bewusst nicht aufgezogen und möchte sie zunächst von einem Spezialisten für historische Spindeluhren untersuchen lassen.
Zustand des Zifferblattes
Die zentrale figürliche Emailmalerei ist halbwegs gut erhalten.
Es gibt allerdings:
einen deutlichen Emailschaden bei ca. 12 Uhr
einen zweiten Emailschaden zwischen ca. 3 und 4 Uhr
eine sehr kleine Emailabplatzung am Aufzugsloch zwischen ca. 1 und 2 Uhr
Ansonsten ist die Malerei einschließlich der Signatur „Girardier“ gut erhalten.
Girardier
Charles Girardier l'Aîné ist als Genfer Uhrmacher bzw. Hersteller aufwendig bemalter Emailuhren bekannt.
Es sind sowohl Girardier-signierte Werke als auch außergewöhnlich bemalte Girardier-Zifferblätter dokumentiert. Außerdem ist Girardier später auch im Pariser Umfeld nachweisbar.
Bei meiner Uhr ist allerdings nicht das Werk Girardier-signiert, sondern das Zifferblatt.
Gissey à Paris
Auf der Werkplatine lese ich ziemlich eindeutig:
„Gissey à Paris“
Gissey ist tatsächlich als Pariser Uhrmacher nachweisbar.
Es existiert beispielsweise eine hochwertige Taschenuhr mit der Signatur „A.M. Gissey à Paris“, und auch andere Uhren mit Gissey-Pariser Signaturen sind dokumentiert.
Meine Arbeitshypothese ist daher, dass wir es nicht mit einem Fantasienamen zu tun haben.
Anfangs dachte ich das da Gissel steht. Da man deutlich ein l am Ende liest. In der Schreibweise von der Zeit dürfte das aber ein y sein.
Nicht geklärt ist bisher, ob eine direkte geschäftliche Zusammenarbeit Girardier ↔ Gissey historisch dokumentiert werden kann.
Sollten Werk und Zifferblatt nachweislich ursprünglich zusammengehören, wäre diese Uhr selbst zumindest ein materieller Beleg für eine Verbindung beider Namen.
„LETON“ im Gehäuse
Im Gehäuse steht deutlich:
LETON
Zunächst hatte ich das für einen Herstellernamen gehalten.
Nach weiterer Recherche spricht aber sehr viel dafür, dass LETON die historische französische Schreibweise von „laiton“ = Messing ist.
Das wird sowohl durch historische französische Wörterbücher als auch durch Museumsuhren gestützt, bei denen vergoldete Messinggehäuse innen ebenfalls mit „LETON“ bezeichnet sind.
Das Gehäuse ist also sehr wahrscheinlich:
vergoldetes Messing / laiton doré
und LETON ist keine Herstellerbezeichnung.
Die wichtigste Punze: J / PB
Neben LETON befindet sich eine deutlich eingeschlagene Punze.
Die Buchstaben stehen ungefähr folgendermaßen:
J
P B
also insgesamt JPB.
Für JPB findet man ja sehr viele Hersteller zu dieser Zeit. Jedoch selten einen, in dem J oben und PB darunter geschrieben ist bzw. kein Rombus oder ein Quadrat vorhanden ist.
Die genaue Identität dieses Gehäusemachers konnte ich bisher nicht feststellen.
Besonders interessant:
Das Auktionshaus Dr. Crott hatte in seiner 83. Auktion eine Spindeltaschenuhr „Breguet à Paris“, ca. 1810, bei der ausdrücklich ein
„Gehäusemacher-Punzzeichen JPB“
katalogisiert wurde.
Technisch war diese Uhr meiner sehr ähnlich: vergoldetes Vollplatinenwerk, Schlüsselaufzug, Spindelhemmung, durchbrochener Unruhkloben und silberne Regulierscheibe.
Ich habe deshalb Dr. Crott direkt angeschrieben.
Die Antwort des Auktionshauses war sinngemäß:
Von der damaligen Punze existiert leider kein Foto mehr. Die Punze JPB wurde in den vergangenen Jahren jedoch mehrfach gesehen; die betreffenden Gehäuse stammen in der Regel aus dem Raum Neuchâtel.
Das halte ich momentan für den wichtigsten Hinweis zur Herkunft des Gehäuses.
Zusätzlich besitzt das Musée d'art et d'histoire de Genève eine historische Taschenuhr, bei der eine Meisterpunze als
„JPB (dans un carré)“
katalogisiert ist.
Leider ist dort öffentlich kein Detailfoto verfügbar, anhand dessen ich überprüfen könnte, ob auch dort das J über PB angeordnet ist.
Mögliche JPB-Namen
Ich habe mehrere französische Goldschmiede mit den Initialen JPB geprüft, unter anderem:
Jean-Baptiste Potot
Jean-Pierre-Nicolas Bibron
verschiedene ältere Pariser JPB-Meister
Die bekannten vollständigen Meisterpunzen dieser Personen enthalten jedoch zusätzliche Symbole bzw. weisen eine andere Buchstabenanordnung auf.
Daher möchte ich die Punze momentan keiner bestimmten Person zuschreiben.
Nach der Auskunft von Crott halte ich einen bislang nicht eindeutig namentlich identifizierten
Gehäusemacher bzw. Gehäusezulieferer aus dem Raum Neuchâtel inzwischen für plausibler.
Des Weiteren, ist es ja vergoldetes Messing, das heißt eine schlechte Dokumentation aus dieser Zeit bzw. war ja das mit der Punze für die Steuern aus der Zeit für NICHT GOLD und NICHT SILBER nicht so streng. Das erschwert die Suche für meine Punze extrem.
Zweite Punze: PH
Auf einem weiteren Gehäuseteil befindet sich deutlich die Punze:
PH
Daneben separat eingeschlagen:
6
PH ist definitiv als PH zu lesen.
Auch diese Marke konnte ich bisher nicht auflösen.
Mehrere französische Goldschmiede mit PH-Punzen wurden geprüft; deren bekannte Punzen enthalten jedoch zusätzliche Symbole und passen nicht zu diesem einfachen PH-Stempel.
Meine Vermutung wäre daher eher:
PH = Werkstatt-/Gehäusemacher-/Zulieferermarke
und
6 = interne Montage-, Arbeiter- oder Fertigungskennzeichnung.
Belegt ist das bislang nicht.
Eingeritzte Kennzeichnung
Direkt in der Nähe der JPB-Punze befindet sich außerdem eine sehr fein von Hand eingeritzte Zeichenfolge, um etwa 180° gegenüber der Punze gedreht.
Ich lese sie am ehesten als:
122A
eventuell auch I22A.
Da sie nicht gepunzt, sondern von Hand eingeritzt wurde, vermute ich einen späteren
Uhrmacher-/Reparaturvermerk oder eine Auftragsnummer.
Zahl 27
Auf der Rückseite bzw. Innenseite der Schutzhülle steht außerdem separat:
27
Meine bisherige Vermutung wäre eine interne Montage-/Zuordnungsnummer, eventuell zur Zuordnung zusammengehöriger Gehäuseteile.
Auch das ist noch offen.
Weitere kleine Punze
Außerdem befindet sich im Gehäuse noch eine kleine bildliche bzw. stark verschlagene Punze, die bisher nicht identifiziert werden konnte.
Bisherige Datierung
Aufgrund von:
Werktyp
Spindelhemmung und Kette/Schnecke
Gestaltung des Unruhklobens
bemaltem Girardier-Emailzifferblatt
Signatur „Gissey à Paris“
Stil des Gehäuses
und dem Vergleich mit ähnlichen Uhren
halte ich momentan eine Entstehung um 1800 bzw. im frühen 19. Jahrhundert, grob etwa 1800–1815, für am wahrscheinlichsten.
Eine wesentlich frühere Datierung würde ich inzwischen eher ausschließen.
Meine wichtigsten Fragen an euch
Mich würden insbesondere folgende Punkte interessieren:
Kennt jemand die Gehäusemacherpunze JPB mit J oben und PB darunter?
Gibt es Vergleichsstücke aus Neuchâtel, Le Locle oder La Chaux-de-Fonds?
Kann jemand die PH-Punze auflösen?
Was könnte die separat eingeschlagene 6 bedeuten?
Ist die 27 wahrscheinlich eine Matching-/Montagenummer?
Kennt jemand weitere Uhren mit der Kombination Girardier-Zifferblatt + Werk eines anderen Uhrmachers?
Ist jemandem eine direkte historische Verbindung Girardier ↔ Gissey bekannt?
Seht ihr anhand von Konstruktion und Befestigungen Hinweise darauf, dass Werk, Zifferblatt und Gehäuse ursprünglich zusammengehören oder später kombiniert wurden?
Welche Datierung würdet ihr anhand der Bilder ansetzen?
Anbei hochauflösende Detailbilder sämtlicher Punzen, des Werkes, Zifferblatts und Gehäuses nachreichen.
Besonders wichtig wäre mir momentan die Identifizierung der JPB-Punze, da Dr. Crott diese offenbar mehrfach auf Gehäusen aus dem Raum Neuchâtel gesehen hat.
Ich hoffe mir kann jemand helfen
lg Sven